Constanze Wilken im Gespräch über ihren neuen Roman »Rückkehr nach Fisherman’s Cove«
»ICH MAG ES, WENN SICH MEINE FIGUREN ENTWICKELN, KONFLIKTE DURCHLEIDEN, SICH HINTERFRAGEN UND ENTSCHEIDUNGEN TREFFEN MÜSSEN.«
Wie hast du für deinen neuen Roman »Rückkehr nach Fisherman’s Cove«recherchiert?
Die Idee für einen Roman, der sich mit Folkmusikern befasst, entstand auf meiner Reise mach Islay. Da habe ich in Portnahaven in einem Cottage gewohnt, das einem Folkmusiker gehörte und in einem Pub spielte eine großartige lokale Band. Zufällig stieß ich auf die Geschichte der beiden großen Festivals auf den Orkney-Inseln: das St. Magnus Festival (klassische Musik) und das kurz darauf entstandene Folkmusikfestival. Die Entstehungsgeschichte des St. Magnus Festivals ist faszinierend und hat eigentlich schon alle Elemente für eine dramatische Geschichte: das Aufeinandertreffen von Lebenswelten, die gegensätzlicher nicht sein könnten – Fischer und Dirigenten, Musiker. Dazu eine Kunstmäzenin in Stromness, die illustre Künstler und den Inselpoeten George Mackkay Brown um sich scharte.
Gab es besondere Orte in Schottland oder speziell auf den Orkney-Inseln, die du besucht hast, um Inspiration für deine neue Geschichte zu finden?
Stromness und Hoy wollte ich mir unbedingt anschauen. Die Gedichte von George Mackkay Brown mag ich sehr und kannte ihn schon länger. Wie kein anderer erfasst er die Atmosphäre auf den rauen Inseln im schottischen Norden. Deshalb habe ich meinem Roman auch einen Vers von Brown vorangestellt. Interessant ist, dass der Dirigent, Sir Peter Maxwell Davies, tatsächlich ein Haus auf der einsamen Insel Hoy hatte. Diese historische Figur hat mich sehr inspiriert.
Was hat dich ursprünglich dazu inspiriert, Schottland als Handlungsort für deine aktuelle Roman-Reihe zu wählen?
Ich hatte das große Glück, einige Jahre in Wales zu leben. Während dieser Zeit bin ich viel durch Großbritannien gereist. Ich liebe eigentlich alles an Schottland: die Menschen, die spannende Geschichte, die bis in die Wikingerzeit reicht, das keltische Erbe, die Musik, die Sprache – ist der schottische Dialekt nicht einfach hinreißend? Die Landschaft ist überwältigend schön – von den Highlands bis zu den Hebriden, auch die Städte mit den großartigen Museen, die Dörfer, Pubs. Und irgendwie schaffen es die Schotten, Moderne und Vergangenheit nachhaltig miteinander zu verbinden. Auf den Hebriden habe ich einige Insulaner kennengelernt, die zurückgekehrt sind, um mit neuen Ideen in ihrer Heimat Wurzeln zu schlagen. Ich habe in Burgen übernachtet, mit Nachfahren von Croftern gesprochen, bin auf Fischerbooten und Fähren gefahren, durch die Highlands geritten und habe eine Erkältung auf Islay mit Whisky kuriert. Sláinte!
Wie spiegelt sich die Landschaft Schottlands in deinen Geschichten wider, spielt sie eine besondere Rolle für die Handlung und die Charaktere?
Orte, Landschaften prägen Menschen und umgekehrt. Ich finde es spannend zu schauen, wo jemand herkommt, warum in diesem Fall Arline oder ihre Mutter Colina weggegangen sind und was sie wieder in die Heimat bringt. Wir entscheiden uns oft unbewusst, manchmal wirkt ein Ereignis von außen auf uns ein, Arlines Vater stirbt und sie muss sich mit unangenehmen, ungeklärten Fragen ihrer eigenen Vergangenheit auseinandersetzen. Die Creel Fischerei ist ein hartes Geschäft, Arline und auch ihre Mutter wollten die Familie nicht enttäuschen. Aber muss man deshalb seine Träume aufgeben?
Landschaft und Wetter sind wichtig für Szenen, Stimmungen und Atmosphäre. Nicht ohne Grund hat sich Quinn ein Cottage auf Hoy gebaut. Noch einsamer geht es kaum und trotzdem arbeitet er in einem Pub und sucht die Nähe von Menschen. Schottland hat ganz eigene Pflanzen, Gerüche, das Licht ist intensiv, nordisch und es gibt bestimmte Gerichte, wie den Früchtekuchen oder gebeizten Lachs, die schottisches Flair bedeuten.
Könntest du uns einen Einblick in deinen Schreibprozess geben? Hast du feste Routinen oder Gewohnheiten, die dir beim Schreiben helfen?
Mein Schreibtisch ist auf jeden Fall mein liebster Arbeitsplatz. Ich kann auch unterwegs schreiben, reise zum Beispiel gern mit meinem Hund nach Skandinavien, um dort ganz in Ruhe zu arbeiten. Was beim Schreiben nicht fehlen darf ist ein Espresso. Ich bin ein Espressojunkie. Meine Recherchen notiere ich mit Füller in ausgesuchte Notizbücher. Das gehört zu jedem neuen Projekt dazu. Beim Sondieren der Informationen formen sich schon erste Gedanken zu den Figuren, dem Plot. Und ich bin eine Nachteule.
Was sind die größten Herausforderungen, denen du beim Schreiben begegnest, und wie überwindest du diese?
Zeit. Ich hätte einfach gern mehr Zeit für jedes Buch. Aber eine Deadline hat auch ihr Gutes und zwingt mich dazu, voranzukommen.
Gibt es bestimmte Themen oder Motive, die du in deinen Romanen immer wieder aufgreifst und wie entwickelst du deine Charaktere?
In meiner Schottlandreihe geht es um Familiengeheimnisse, die ich auf zwei Zeitebenen anlege. Starke Frauen stehen im Mittelpunkt. Ich mag es, wenn sich meine Figuren entwickeln, Konflikte durchleiden, sich hinterfragen und Entscheidungen treffen müssen. Der Neuanfang ist ein Motiv, das ich gern verwende. Die Motivation kann ganz unterschiedlich sein. Ich schicke meine Figuren auch gern auf die Suche – nach einem Geheimnis, das sie dazu zwingt, sich mit sich selbst zu beschäftigen.
Für jede Figur lege ich einen ausführlichen Lebenslauf, historische und zeitgeschichtliche Hintergründe an. Während des Schreibens kann sich aber viel ändern, denn meine Figuren entwickeln ein Eigenleben, einige drängen sich vor, während andere in den Hintergrund treten. Ich gebe ihnen einen gewissen Freiraum, aber wenn sie allzu sehr aus der Reihe tanzen, muss ich sie zügeln.
Was sind die zentralen Botschaften, die du generell in deinen Romanen, und speziell in »Rückkehr nach Fisherman’s Cove«vermitteln möchtest?
Ich möchte meine Leserinnen und Leser mit auf eine Reise nehmen, an faszinierende Schauplätze, die durch meine Geschichte lebendig werden. Beim Lesen darf gelacht und geweint werden. Mit den Figuren kann gelitten, gebangt und geliebt werden aber bei aller Tragik soll am Ende die Hoffnung überwiegen.
In »Rückkehr nach Fisherman’s Cove« erlebt Arline das, was wir vielleicht alle fürchten – sie muss erfahren, dass ihre Eltern nicht die sind, die sie zu kennen glaubte. Etwas Undenkbares geschieht. Kann Arline verzeihen? Das Loslassen von Vergangenem ist manchmal notwendig, um in eine hoffnungsvolle Zukunft schauen zu können. Es gibt diesen einen Pub am Hafen von Stromness, in dem man bei einem Pint den Musikern lauschen oder einfach nur den Fischerbooten zusehen kann. Und wer weiß, wer einem da begegnet…
Interview auf der Seite der Penguin/Random House Verlagsgruppe